Dieser Beitrag geht nur oberflächlich auf das Thema Produktqualität in der agilen Entwicklung ein, aufgrund der Komplexität und Vielseitigkeit, die bei der Implementierung einer agilen Arbeitsweise in der Organisation berücksichtigt werden muss. Für detaillierte Informationen und Impulse kommen Sie bitte in die Qualitätssprechstunde.

Die Anwendung von agilen Methoden in der Produktentwicklung hat auch Auswirkungen auf die Planung und Steuerung der Produktqualität. Aktuell gibt es wenig konkretes zur Planung und Steuerung der Produktqualität in einem agilen Entwicklungsumfeld zu lesen. Das ist erstaunlich, da auch in Deutschland bereits viele Unternehmen agil entwickeln und einige, speziell in der Automobilindustrie, ihre Aufbau- und Ablauforganisation für eine agile Arbeitsweise befähigt haben.

Die agile Arbeitsweise verdeutlicht im Gegensatz zur „klassischen“ Entwicklung (Wasserfall) stärker, dass die Qualität eines Produktes eine Produkteigenschaft ist und somit vom Verantwortlichen des Produktes (Product Owner) zu planen und zu steuern ist. Dabei ist es nicht von Bedeutung, ob in einem agilen Team (scrum) oder in vielen agilen Teams (scrum of scrums) ein Produkt entwickelt wird. Immer ist die Verantwortung für die Produktqualität bei der Rolle des Produktmanagements zu sehen. Das trifft auch auf die skalierbaren agilen Frameworks, wie beispielsweise SAFe oder LeSS zu, die auf den unterschiedlichen Ebenen immer eine Rolle vorsehen, die das Produkt verantwortet und somit auch die Produktqualität.

Der Produktverantwortliche (Product Owner), insbesondere bei komplexen Produkten hat die Möglichkeit weitere Rollen zu definieren, die ihn bei der Durchführungen seiner Aufgaben unterstützten. So ist es bei komplexen und umfangreichen Produkten üblich, dass der Product Owner für die Planung und Steuerung der Produktqualität sich Unterstützung durch das Qualitätsmanagement einholt und dies auch organisatorisch verankert.

Ein Vorteil der agilen Entwicklung ist, dass die Planung und Steuerung der Produktqualität viel stärker in die Produktentwicklung eingebunden ist als in der „klassischen wasserfallorientierten Entwicklung“ und dadurch schneller und wirksamer auf Qualitätsprobleme reagieren kann.

Es gibt multiple Möglichkeiten, wie man in einer agilen Entwicklung die Planung und Steuerung der Produktqualität implementiert und lebt. Und jede davon kann richtig sein (abhängig bspw. von Größe und Komplexität des Produktes oder der Größe der Organisation und der Organisationsform).

Prinzipien für die Steuerung der Produktqualität in einem agilen Framework

Folgende Prinzipien der Planung und Steuerung der Produktqualität im Rahmen einer agilen Entwicklung können jedoch festgehalten werden:

  • Qualitätsanforderungen an das Produkt, abgeleitet aus Lessons Learned oder der Anwendung von präventiven Qualitätsmethoden sind in Form von User Stories zu definieren und im Backlog zu verankern. Wichtig ist, dass die Planung und Steuerung der Produktqualität erkennt, in welchem Sprint (scrum) bzw. Program Increment (scrum of scrums, hier konkret SAFe) die qualitätsbezogene User Story relevant ist. Diese muss im Kontext der funktionalen/fachlichen User Stories eingesteuert sein, auf die sie wirkt.
  • Qualitätsanforderungen an das Produkt, abgeleitet aus Lessons Learned oder der Anwendung von präventiven Qualitätsmethoden können aber auch in funktionalen/fachlichen User Stories im Rahmen der Akzeptanzkriterien abgebildet werden, die erfüllt sein müssen, damit die User Story abgenommen werden darf. Entsprechendes gilt auch Prüfmethoden und -zeitpunkte zum Sicherstellen der Wirksamkeit der User Story, die in Form von Akzeptanzkriterien in User Stories definiert werden können.

Die generelle Frage, ob sich die Produktqualität durch das Anwenden einer agile gegenüber einer „klassischen“ Produktentwicklung verbessert kann nicht allgemein beantwortet werden. In beiden Produktentwicklungsmethoden und -vorgehensweisen kann exzellente Produktqualität entwickelt werden, wenn man die Planung und Steuerung der Produktqualität korrekt implementiert. Der Fokus einer agilen Entwicklung liegt auch nicht auf der Verbesserung der Produktqualität, sondern dem Kunden schnell, flexibel und effizient, ein nützliches Produkt zur Verfügung zu stellen.

agile Entwicklung
Vorteile einer Steuerung der Produktqualität in einem agilen Framework

Allerdings unterstützt die agile Arbeitsweise Faktoren, die für eine gute Produktqualität ausschlaggebend sind, deutlich besser als die „klassische wasserfallorientierte“ Produktentwicklung (siehe hierzu auch den Impuls: Gute Produktqualität erfordert vor allem Führung und Befähigung der Mitarbeiter ). Drei Aspekte sind hier hervorzuheben:

  • Klare Verantwortlichkeit für die Produktqualität beim Produkt Owner, der somit sicherstellt, dass im „zielkonfliktreichen Kampf“ der Produkteigenschaften (Funktion, Geometrie, Kosten, Gewicht, Usability, Verbrauch, …) die Produktqualität nicht „übersehen“ wird.
  • Tiefe Integration der Planung und Steuerung Produktqualität in die Produktentwicklung. Die Planung und Steuerung der Produktqualität, als Unterstützung des Product Owner ist in die Priorisierung des Backlogs eingebunden, um für jeden Sprint, die aus Sicht der Produktqualität notwendigen Qualitätsanforderungen, Prüfungen, … in Form von User Stories mit einzusteuern. Während des Sprints bewertet die Planung und Steuerung der Produktqualität, ob die Qualitätsanforderungen wirksam umgesetzt werden. Um diese Rolle kompetent auszuführen ist es wichtig, dass ein Verständnis über die technischen Wirkketten des Produktes vorliegen.
  • Hohe Eigenverantwortung der Rollen in der agilen Entwicklung. Damit unterstützt die agile Arbeitsweise die intrinsische Motivation der Entwickler fehlerfreie und qualitativ hochwertige Produkte zu entwickeln, die in der klassischen Entwicklung häufig durch stark priorisierte Kostenziele behindert wird inkl. der fehlenden positiven Business Case Bewertungen für Maßnahmen zur Verbesserung der Produktqualität.

Die agile Arbeitsweise ist ein Sammelsurium aus verschieden Methoden, die zusammen eine kundenfokussierte Produktentwicklung ermöglicht. Und eine Methode ist immer nur Mittel zum Zweck und muss auf das Produkt und das Unternehmen (Aufbau-, Ablauforganisation, Kultur, …) angepasst werden.

So liegt es am Produktmanagement (Produkt Owner) und der Produktqualität darauf zu achten, dass bei der Implementierung der agilen Arbeitsweise die Planung und Steuerung der Produktqualität wirksam abgebildet wird.

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Nachfolgend ein Video, das kurz wesentliche Elemente des agilen Qualitätsmanagements beschreibt, dabei jedoch mehr auf das Managementsystem und nicht auf die Rolle der Qualitätsplanung und -steuerung in einer agilen Produktentwicklung eingeht.